Zur Geschichte von Zernikow
Die Kirche in Zernikow gehört zu den kleinen Juwelen in der Mark Brandenburg. Im 13. Jahrhundert als Wehrkirche aus Feldsteinen errichtet, ist sie mit den dafür üblichen kleinen schmalen Fenstern im Ostchor der Kirche ausgestattet.
In dem Innenraum der Kirche hat es in den letzten Jahrhunderten keine Veränderungen gegeben, sodass sich die Kirche heute noch im Originalzustand nach den Umbauten um 1760 befindet.
Der Kanzelaltar mit seinen vielen Schnitzereien und den Initialen des preußischen geheimen Kämmerer Michael Gabriel Fredersdorf und seiner Frau Caroline Marie Elisabeth Daum, die Empore mit der Bemalung der Brüstungsfelder, das Holzgestühl, die Patronatsloge, alles im Rokokostil ausgestattet.
Kurfürst Joachim I. gab die Gemarkung Zernikow mit Gut und Kirche 1524 als Lehen (Kerklehen) als Auszeichnung für besondere Verdienste an den Ritter Hans Zernikow aus Neuruppin.
Durch den 30-jährigen Krieg war der Besitz hoch verschuldet und die Kirche ausgebrannt. Nach wechselnden Eigentümern übernahm um 1700 Hans Ehrenreich von Schöning das Gut. Aus seiner Zeit stammt die Kirchenglocke und noch zwei von sechs versilberten Wandleuchtern. Die von Schönings verstarben kinderlos.
Kurze Zeit danach erwarb Friedrich der Große 1737 Zernikow. Von Rheinsberg aus hatte Friedrich Zernikow besucht und Gefallen an dem Ort gefunden.
Im Jahr 1740 schenkte er das Gut Zernikow seinem besten Freund, dem geheimen Kämmerer Michael Gabriel Fredersdorf. In seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" schreibt Theodor Fontane: "Unter dessen Hand entwickelte sich die vernachlässigte Sandscholle zu einem wohl kultivierten Gut." (Buch Briefe)
Nach dem Tode Fredersdorffs im Jahr 1758, der kinderlos starb, heiratete seine Witwe Caroline Marie Elisabeth verwitwete Fredersdorf, geb. Daum, 1760 den Geheimen Stiftsrat zu Quedlinburg, Hans Labes, der jedoch mit Unterstützung der Prinzessin Anna Amalia, der jüngeren Schwester Friedrich des II., vom österreichischen Kaiser 1762 in den Reichsfreiherrnstand erhoben wurde. Zwei Kinder gingen aus dieser Ehe hervor, ein Sohn und eine Tochter. Die Tochter Amalie Caroline heiratete Joachim Erdmann Freiherr von Arnim, aus dieser Verbindung ging der berühmte Dichter Achim von Arnim hervor, später verheiratet mit Bettina von Arnim.
Der Dichter besuchte oft Zernikow, verbrachte viele Ferien im Ort. Die Nachkommen haben bis zum zweiten Weltkrieg den Ort mit geprägt.
Peter Anton von Arnim
Für mich beginnt die Geschichte der Arnims von Zernikow mit dem Namen Fredersdorff.
Dabei ist er sogar kinderlos gestorben, konnte also seine Gene an keine Generation von Nachkommen weitergeben. Wohl aber in gewisser Weise den Geist, der ihn beseelte. Denn er ist es, der das Gesicht Zernikows, so wie wir es heute kennen, am stärksten geprägt hat. Zwar hat Zernikow schon im Mittelalter existiert, wie das die imposante Feldsteinkirche bezeugt. Auch stand früher neben dem heutigen Herrenhaus ein aus Feldsteinen errichtetes Wohngebäude aus der Zeit, als das Gut einer Familie von Zernikow gehörte, das später als Küche und zuletzt als Getreidespeicher genutzt wurde.
Willige Vollstrecker der Direktiven Josef Stalins bzw. Walter Ulbrichts, in welchen gefordert wurde, daß man die Spuren der Vergangenheit weitgehend auslöschen solle, habe es abgerissen, wie sie auch im Jahre 1948 die prachtvollen Särge des Fredersdorffschen Erbbegräbnisses zerstört und beraubt haben.
Aus den gleichen Gründen hat man ja wie unzählige andere auch das Schlößchen Bärwalde bei Wiepersdorf abreißen lassen, in welchem die Bettina von Arnim in den Sommermonaten oft gewohnt und in welchem sie unter anderem ihre berühmt gewordene Epistel an ihren Schwager Savigny verfaßt hatte. Das Gutshaus von Zernikow hat man allerdings glücklicherweise stehen lassen müssen, und zwar, weil darin ab 1945 zahlreiche Flüchtlingsfamilien Wohnung bezogen hatten, die man nicht so leicht schlichtweg auf die Straße hätte setzen können.
Als Friedrich der Große seinem Kämmerer und engsten Freund Fredersdorff 1740 das Gut Zernikow zum Geschenk gemacht hatte, ließ dieser eine Ziegelei errichten, um mit den daselbst gebrannten Ziegeln das schöne Herrenhaus bauen zu können, welches bis heute neben der Kirche das markanteste Bauwerk Zernikows darstellt. Wie energisch sich Fredersdorff im übrigen für die wirtschaftliche Entwicklung des Gutes Zernikow und das Wohlergehen seiner Bewohner eingesetzt hat, ist bei Fontane nachzulesen. Wer die Kargheit des Bodens und die morastige Natur der Umgebung von Zernikow kennt, weiß, mit welchen Schwierigkeiten er und seine Nachfolger zu kämpfen hatten.
Mein Vater Friedmund von Arnim, der letzte Besitzer von Gut Zernikow, hat das Andenken Fredersdorffs deshalb stets hoch gehalten. Von dem 1927 erschienen Briefwechsel Friedrichs II. mit Fredersdorff hat er für alle seine sechs Kinder je ein Exemplar angeschafft.
Aber auch im Praktischen standen er wie schon sein Vater Erwin in der Tradition Fredersdorffs. Im Jahre 1750 hatte Fredersdorff in Zernikow erste Meliorationsmaßnahmen durchführen lassen, die sein Nachfolger, der Freiherr von Labes, weiterführte und durch ein ausgeklügeltes Kanalisationssystem ausbauen ließ.
Die älteren Bewohner Zernikows erinnern sich noch genau, wie mein Vater dieses System von Kanälen und Wehren aufs peinlichste überwachte. War der Wasserstand niedrig, blieben die Wehren geschlossen, herrschte Hochwasser, ging er sofort daran, sie zu öffnen. Mein Vater war äußerst kinderlieb, aber Kindern, die sich an den Wehren zu schaffen machte, ließ er es an einer eindringlichen Mahnung nicht fehlen.
In LPG-Zeiten wurde dann jedoch das Kanalsystem völlig vernachlässigt. Infolgedessen stehen nunmehr in den Häusern des Dorfes jedesmal nach stärkeren Regenguß die Keller unter Wasser.
Vermutlich ist diese Vernachlässigung auch der Grund, weshalb infolge des gestiegenen Grundwassers die über 200jährigen Stieleichen im Zernikower Tiergarten plötzlich angefangen haben zu kränkeln, sodaß die Treuhandanstalt, obwohl das Gebiet als Naturdenkmal unter Schutz steht, im Jahre 1992 die meisten davon hat fällen lassen, statt darauf zu sehen, daß das Kanalsystem wieder in Ordnung gebracht wird.
Im Hinblick auf die späteren naturwissenschaftlichen Interessen des Dichters Achim von Arnim ist bei Fredersdorff vielleicht noch erwähnenswert, daß er ein besessener Alchimist war, das heißt, trotz ständiger Mahnungen seines königlichen Freundes, die Finger davon zu lassen, hat er sich unablässig in Versuchen des Goldmachens betätigt, auch in Zernikow. Möglicherweise lassen sich daraus seine ständigen Krankheiten erklären, über die er dem König in seinen Briefen immer wieder klagt, und die schließlich seinen frühen Tod herbeigeführt haben, wie Friedrich das vorausahnte. Denn zu diesen, wie wir heute wissen sinnlosen, Versuchen zum Goldmachen verwandte man damals unter anderem eine hochgiftige Substanz, nämlich das Quecksilber. Mir fehlen klare Zeugnisse, ich kann nur darüber spekulieren, ob der junge Arnim, als er in seiner Kindheit die Sommermonate in Zernikow verbrachte, von den alchimistischen Versuchen Fredersdorffs erfahren hat und dadurch bei ihm ein frühes Interesse speziell für die Chemie erweckt worden ist. In der Zeit, als Arnim als ernsthafter Wissenschaftler seine naturwissenschaftlichen Studien betrieb, das heißt um die Jahrhundertwende vom achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert, begann sich die moderne Chemie ja gerade erst von der mittelalterlichen Alchemie zu emanzipieren. Und noch ein Punkt ist in Bezug auf Fredersdorff wichtig zu erwähnen. Friedrich der Große hat ihm als Freund das Rittergut Zernikow geschenkt, ohne ihn in den Adelsstand zu erheben. Die Schenkungsurkunde läßt da keinen Zweifel zu. Nun war im damaligen Preußen für einen Bürgerlichen der Besitz eines Rittergutes grundsätzlich untersagt, und widersprach nicht nur des Königs sonstiger Praxis, sondern auch seiner Überzeugung. Wenn also Friedrich II. in diesem Punkt für Fredersdorff eine Ausnahme gemacht hat, kennzeichnet das die Besonderheit der Beziehung, in welcher der König zu seinem Kämmerer gestanden hat. Wer dies mißachtet und gar Fredersdorff noch nachträglich mit einem „von“ versieht, der verfehlt ein wichtiges Moment preußisch-deutscher Geschichte, nämlich die Vorrangstellung, die der Adel bis in unser Jahrhundert hinein in Militär und Verwaltung eingenommen hat, wodurch der unglückliche sogenannte Sonderweg der deutschen Geschichte begründet wurde. Nicht der Gutsbesitz als solcher war ja das Gefährliche, wie das die vulgären Simplifizierer einer an sich achtenswerten Geschichtstheorie in DDR-Zeiten offiziell verkündet haben, sondern die Aufrechterhaltung überholter Privilegien. Der Dichter Achim von Arnim hat zwar einst in einem Gedicht gefordert: „Muß der Adel Bürger werden“, stattdessen ordnete sich später aber das deutsche Bürgertum, nach der gescheiterten Revolution von 1848 und insbesondere der Bismarckschen Reichsgründung von 1871 dem Adel politisch unter und verzichtete weitgehend auf seine demokratischen und freiheitlichen Rechte. Es war die revolutionäre Arbeiterbewegung, organisiert in der deutschen Sozialdemokratie, die dann den Kampf für Demokratie und Grundrechte aufgenommen hat. Aber auch das ist nunmehr schon ferne Vergangenheit.
Spaßeshalber sei noch erwähnt, daß es in unseren Tagen einen bürgerlichen Herrn Fredersdorff gibt, der sich im deutschen WHO IS WHO hat eintragen lassen und dort am Schluß des Eintrags die Angabe macht: Berühmter Vorfahr: Michael Gabriel von Fredersdorff. Diesem Wundermann ist es also nicht nur gelungen, den Zernikower Fredersdorff noch nach seinem Tode in den Adelsstand zu erheben, er hat ihm sogar in seiner eigenen Person einen Nachkommen verschafft, obwohl bekannt ist, daß Fredersdorff kinderlos gestorben ist. Nun ja, für die Eintragungen im WHO IS WHO, für die man im übrigen zahlen muß, ist eben jeder selbst verantwortlich.
Noch ein Wort zu dem Portrait Fredersdorffs in der Zernikower Kirche. Man sagt allgemein, es sei das Werk eines Schülers von Friedrichs Lieblingsmaler Antoine Pesne. Schüler deshalb, weil es, im Gegensatz zum Meister, offenbar eine Hand, also ein schwierig zu malendes Körperteil, nicht zu malen imstande war, weshalb er sie diskret im Rock des Portraitierten verschwinden läßt. Im Übrigen glaube ich nicht, daß das Portrait sehr ähnlich ist. Es hat frappierende Ähnlichkeit mit einem Portrait Friedrichs II., gemalt von Pesne selbst. Dieses hat aber wiederum nicht viel Ähnlichkeit mit den übrigen Portraits, die wir sonst von Friedrich II. kennen. Pausbäckig, rosig, blühendes leben ausstrahlend. Mir scheint, die Portraitmalerei war nicht die Stärke von Antoine Pesne. Im Hohenzollernmuseum in Berlin gibt es eine Tabaksdose, die Friedrich II. seinem Freund Fredersdorff geschenkt hat. Diese zeigt ein Miniaturbildnis Fredersdorffs, auf welchem er ganz anders, nämlich viel schmaler und zierlicher aussieht als auf dem Portrait in der Zernikower Dorfkirche.
Das Innere der Zernikower Dorfkirche ist anläßlich der Hochzeit Fredersdorffs mit der bürgerlichen Bankierstochter Marie Karoline Elisabeth Daum, der späteren Frau von Labes, im Jahre 1753 von dieser im Rokokostil ausgestattet worden. Sie schrieb später über ihren ersten Gatten: „Sein Verlust und sein Andenken wird immer unvergeßlich bleiben, da unsere Liebe wohl unstreitig die reinste und treueste gewesen, so je zu finden, welcher dieser würdige Mann von meiner Seite auch gewiß verdienet, da ihm außer der schönsten und angenehmsten Bildung auch die Vorsicht mit dem aufgeklärtesten Verstande, Fähigkeiten und Munterkeit des Geistes begabet hatte, die schwerlich ihres Gleichen finden.“
Abschrift der Schenkungsurkunde über das Rittergut Zernikow von Friedrich II. an seinen geheimen Kämmerer Michael Gabriel Fredersdorff
Wir, Friedrich, von Gottes Gnaden König in Preußen, Marggraf zu Brandenburg, des heiligen Römischen Reiches, Ertz Cämmerer und Churfürst; Souverainer Printz von Oranien, Neuchatel und Valêngin; in Geldern, zu Magdeburg, Cleve, Jülich, Berg, Stettin, Pommern, der Caßuben und Wenden, zu Mecklenburg, auch in Schlesien und Crossen Herzog; Burggraf zu Nürnberg, Fürst zu Halberstadt, Minden, Cammin, Wenden, Schwerin, Ratzeburg, Ostfrießland und Meurs; Graf zu Hohen Zollern, Ruppin, der Mark Ravensburg, Hohenstein, Tecklenburg, Lingen, Schwerin, Bühren und Lehrdamm, Herr zur Ravenstein, der Lande Rostock, Stargardt, Lauenburg, Bütow, Orley und Breda pp. Thun kund und bekennen hiermit vor Uns, Unseren Erben und Nachkommen an der Cron und Chur, daß Wir in Erwägung deren unermüdeten, fleißigen, allerunterthänigsten und getreuen Dienste, welche Michael Gabriel Fredersdorff, Unser erster Cammerdiener, bishero zu Unsern allergnädigsten Wohlgefallen geleistet, und noch ferner zu leisten im Stande ist, demselben in königlichen Gnaden das von Uns als Cronprintz erkaufte, im Ruppinschen belegene Ritter Guth Zernickow mit allen Gnaden und Gerechtigkeiten, so wie es von den vorigen Besitzern oder auch von Uns Selbst genoßen oder genutzet werden können, mit Heyden, Mühlen, Gerechtigkeit, Hohe und Niedere Jagdten, Ober und Unter Gerichte, und was sonst dem vollenkommenen Eigenthum eines RitterGuthes anhängig seyn mag, geschenket und dergestalt unwiderruflich zugeeignet haben, daß Er gedachter Unser Lieber Getreuer, der Cammerdiener Michael Gabriel Fredersdorff, selbiges hinführo vor sich seine Erben und Erbnehmen beyderley Geschlechts, als sein oder ihr wahres Eigenthum geruhiglich besitzen, Genießen und Gebrauchen, auch darunter von Niemanden beeinträchtiget, sondern vielmehr von Unsern Hohen und Niedrigen Collegiis wieder jedermanns An- und Zuspruch in solchermaßen versichert seyn und bleiben soll, als der mit dem von Bewill unterm 17. Mart. 1737 geschloßene Kauf Contract besaget. Und gleich wie nun Eingangs erwähnter Fredersdorff dieser Unserer Königliche Gnade und Milde mit allerunterthänigsten Dank erkennet und angenommen, so wollen Wir Unsern Erben und Nachkommen an der Cron und Chur demselben vor sich, seine Erben und Erbnehmen, auch zu allen Zeiten bey dem ruhigen Besitz, dieses von Uns ihm wohlbedächtig und wohlwißentlich allergnädigst geschenkten und mit allen Rechten und Gerechtigkeiten, sie haben Nahmen, wie sie immer wollen, zugeeigneten Ritter Guthes Zernickow, welches Wir noch vor Antritt Unserer Regierung zu Unserm freyen Willkührlich und unumbschränkten Disposition erkaufen lassen, und nicht auf einen unserer Etats oder Register der Publiquen Einkünfte gebracht worden, weniger die Natur und Eigenschaft der durch Unseres in Gott ruhenden Herrn Vaters Mayestät: unter den 13ten August 1713 vor inalienable erklährten, Domanial-Cammer und Taffel Güther, jemahls erhalten, schützen und handhaben, auch demselben zu dem Ende ihm durch den Cammer Director von Münchow dieses Guth in seinen Grentzen und Mahlen nebst alle daßelbe angehende Documenten, Lehn Briefe und Briefschaften und davon lautenden Urkunden mit übergeben, extradiren und einhändigen lassen.
Deßen allen zu Urkund, haben Wir diese Donation und Verschreibung unterschrieben, und mit Unseren Cabinets Siegel bedrucken lassen. So geschehen und gegeben Charlottenburg den 26 Juny 1740.
Friedrich Donation und Verschreibung über das Guth Zernickow
Für dem Königlichen Cammerdiener Fredersdorff